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Jaurès : ’Internationalistischer’ Märtyrer oder ’Zur rechten Zeit gestorben’ ?

 

Der Verrat des Burgfriedens im August 1914

 

Es ist weit bekannt dass die Führer der "Linken" der Sozialdemokratie sowohl in Deutschland wie in Frankreich den weg zum Anschluss an den Burgfrieden von langer Hand vorbereitet hatten, der zur Zustimmung der Kriegskredite im August 1914 führen musste, insbesondere durch ihre Propaganda für eine " nationale Verteidigungsarmee ".

In seiner "Die neue Armee" hatte Jaurès schon 1911 eine neue patriotische Rhetorik ausgearbeitet : " Internationale und Vaterland sind fortan verbunden . In der Internationale findet die Unabhängigkeit der Nationen ihre höchste Garantie ; in den unabhängigen Nationen hat die Internationale ihre mächtigsten und edelsten Organe. Man könnte fast sagen : ein wenig Internationalismus entfernt vom Vaterland ; viel Internationalismus führt dahin zurück. Ein wenig Patriotismus entfernt von der Internationale ; viel Patriotismus führt dahin zurück." [1].

Am Vorabend des Krieges gab es dieses Buch in deutscher Übersetzung. Es diente, wie man vermuten kann, als "reiche" Argumentation für den Anschluss der Sozialdemokratie an die Verteidigung des imperialen Vaterlandes (Jaurès, Die neue Armee, Eugen Diederichs, Jena, 1913).

Die sozialdemokratische Linke übte eine ordentliche Kritik des Buches von Jaurès. Rosa Luxemburg zeigte im Juni 1911 auf dass der Jaurèsismus den französischen Chauvinismus schönfärbte : "Dadurch entkleidet er [Jaurès] das ganze System seiner Volkswehr des wirklich demokratischen und proletarischen Charakters und gibt ihm dafür eine deutliche Spitze gegen Deutschland, die nichts anderes ist als eine bedauerliche Konzession an den herrschenden Geist der chauvinistischen kleinbürgerlichen Politik Frankreichs, die immer noch von dem Gespenst des Gegensatzes mit Deutschland beherrscht wird." ("Die neue Armee", Leipziger Volkszeitung Nr. 130 vom 9. Juni 1911). [2].

Nach Rosa Luxemburg brachte Ernst Däumig (1866-1922), der zukünftige Chef der Unabhängigen (U.S.P.D.), seine lebhafteste Zurückhaltung zum Ausdruck : "Seine Auffassungen werden getragen von dem unerschütterlichen Glauben an die siegreiche Kraft des demokratischen Ideals wie an die des reformistischen Sozialismus. Doch die harte Wirklichkeit der Tatsachen in unserem hyperkapitalistischen und imperialistischen Zeitalter gestattet diese friedliche und geradlinige Entwicklung nicht." ("Die neue Armee", Die Neue Zeit, 30. Jahr, Nr. 45, 9. August 1912)

Es stimmt dass Jaurès seit 1895 einen beachtlichen Fortschritt gemacht hatte in dem er von der Unterstützung des Kolonialismus zu einem Antikolonialismus überging der in Kollision geriet mit dem "patriotischem Gefühl", mit dem Gefühl eines imperialistischen Vaterlandes. Als neuer Abgeordnete stimmte Jaurès im Dezember 1895 für die Kriegskredite die Jules Ferry für die koloniale Eroberung Tonkins beantragt hatte. Zur Unterstützung der kolonialistischen und antisemitischen sozialistischen Partei in Algerien, bestätigte er dass "unter der etwas engstirnigen Form des Antisemitismus (sic) sich in Algerien ein wirklicher revolutionärer Geist verbreitet."

Nach der Dreyfus-Affäre (1898) änderte Jaurès sich jedoch ganz und gar, indem er sowohl den Antisemitismus als die Islamphobie denunzierte, die von Édouard Drumont, als Autor des "Jüdischen Frankreichs" (1885) und Abgeordneter für Algiers, verbreitet wurden. 1908 klagte er die blutige Eroberung Marokko’s an als : "ein monströses Attentat gegen die Menschheit", so wie auch "die Plünderung der Einheimischen Tunesiens, Algeriens, des Kongo und Marokko’s". [3]

Das tragische Ende von Jaurès, der von einem Sympathisanten der ’Action française’ ermordet wurde, gestattet keine klare Antwort auf die Frage nach der Richtung seiner entgültigen Wahl : Patriotismus oder Internationalismus, oder ein Pazifismus mit vager "internationalistischer" Einfärbung.

Es bleiben starke Zweifel. Eine Stunde (!) vor seiner Ermordung soll er dem gemäßigt rechten Abgeordneten Pierre Dupuy - Pariser Pressemagnat und zukünftiger Kollaborateur unter Pétain - ein Artikel zum Anschluss an den Burgfrieden versprochen haben : "...die Veröffentlichung morgenfrüh des Artikels mit dem Titel und Inhalt den ich gerade angab, setze ich mich leider der Gefahr aus von einem Doktrinären des Pazifismus umgebracht zu werden, unter denen einige zu allen Gewalttaten und zur Rebellion bereit sind, sogar nach einer förmlichen Kriegserklärung oder dem Anfang der Feindseligkeiten. Diese Leute werden mir mit Sicherheit nicht verzeihen dass ich fortan nur noch denke und handele für die nationale Verteidigung." (Le Monde vom 1. Februar 1958)

Diese 1958 sehr spät zu Protokoll gegebenen Behauptungen im Tageblatt Le Monde, auf Grund des posthumen Zeugnisses von Abel Ferry, radikal-sozialistischer Abgeordneter, [4] stehen im Geruch einer kitschigen Rekonstruktion berufsmäßiger Ultrapatrioten.

Es ist jedoch absolut sicher dass Jaurès - mehr Patriot als Internationalist, weniger Pazifist als Patriot - angesichts des MASSIVEN Anschlusses aller seiner sozialistischen Kollegen an den Burgfrieden nicht lange gezögert hätte. Ob eine ultranationalistische Fraktion des Staatsapparates ihn hat ermorden lassen oder nicht, "Jaurès ist gerade zur rechten Zeit gestorben", wie es im Dezember 1965 in der Rätekommunistischen Zeitschrift "Daad en Gedachte" hieß : "Jean Jaurès ist gerade zur rechten Zeit ermordet worden, ist gerade zur rechten Zeit gestorben um seinen Ruf als Friedensapostel und Gegner des Burgfriedens unangetastet zu lassen." [5]

Zu viele Texte von Jaurès, seine Vergangenheit selbst, tendieren dazu aufzuzeigen dass er innerlich Patriot geblieben war.

Auch die lobende Würdigung von Jaurès durch Trotzki die am 17. Juli 1915 veröffentlicht wurde (der Artikel wurde 1917 revidiert) erscheint ein wenig übertrieben. Jaurès wird darin als " der Prototyp des überlegenen Menschen " dargestellt : "Die großen Männer wissen rechtzeitig zu verschwinden. (...) Jaurès, Athlet der Idee, fiel in der Arena im Kampf gegen die schrecklichste Geißel der Menschheit und der Menschengattung, gegen den Krieg. Und er wird im Gedächtnis der Nachwelt fortleben als Vorläufer, als der Prototyp des überlegenen Menschen der aus den Leiden und Niedergängen, aus den Hoffnungen und aus dem Kampf geboren werden muss." [6]

 

Jaurès : Übermensch des Proletariats ?

Die Internationalisten - die nichts erwarten von jakobinischen "Cäsaren", von "Tribunen" des parlamentarischen Podiums, von "Ober-Erlöser" oder selbsternannten "überlegenen Menschen", die bei der ersten Gelegenheit zu jedem Verrat bereit sind - akzeptieren diese vorgreifende Vergötterung eines pazifistisch-patriotischen Jean Jaurès nicht, der zu allen Winkelzügen der Tribüne bereit war.

Diesem Ehrentempel der "großen Männer", in dem die Flamme des ewig dankbaren Vaterlandes brennt, sollte besser die immer lebendige Flamme des Internationalismus entgegengehalten werden : Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Märtyrer des Kommunismus und nicht des Pazifismus.

An diesem 11. November 2015 - Ph. Bourrinet.

Übersetzung : Jac. Johanson, 13-11-2015.

 

1917 - Il Socialismo e la Guerra

Jean Jaurès (« il Socialismo e la Guerra ») im Dienst der sozialistischen Kriegspropaganda um "die Verteidigung und den Sieg des Landes zu versichern" : " in der Nation und für die Nation ". Italienische Übersetzung von der S.F.I.O. (Französische Sektion der Arbeiter-Internationalen), Librairie l’Humanité. Das Buch wurde 1917, im Jahr der Schlacht um Caporetto, in der italienischen Armee verbreitet.

 

[1Jean Jaurès, L’Armée nouvelle, Paris, Jules Rouff & Co.

[2Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 2, 1906 bis Juni 1911 ; Dietz Verlag, Berlin, 1986, S. 525 ff

[3Gilles Manceron (Hrsg.), Jean Jaurès. Vers l’anticolonialisme. Du colonialisme à l’universalisme, Les petits matins, Paris, janvier 2015.

[4Les Carnets secrets d’Abel Ferry 1914-1918, Grasset, 1957.

[5Der Artikel "Jean Jaurès juist op tijd gestorven" entstammt wahrscheinlich der Feder Cajo Brendels.

[6" Jaurès gehört mit Haut und Haar der Arbeiterbewegung an, dass heißt der einzigen gesellschaftlichen Kraft die, auch heute noch, die Perspektive der menschlichen Emanzipation in sich trägt. Darum haben wir ihn ehren wollen, und wir können mit Trotzki wie folgt abschließen : "Die großen Männer wissen rechtzeitig zu verschwinden. Den herannahenden Tod fühlend, nahm Tolstoi einen Stab, flüchtete weg von der Gesellschaft die er ablehnte und starb als Pilger in einem obskuren Dorf. Lafargue, Epikureer und Stoiker zugleich, lebte bis zu seinem Siebzigsten in einer friedlichen und bedachtsamen Atmosphäre, entschloss sich dass es genug gewesen war und nahm Gift. Jaurès, Athlet der Idee, fiel in der Arena im Kampf gegen die schrecklichste Geißel der Menschheit und der menschlichen Gattung, gegen den Krieg. Und er wird im Gedächtnis der Nachwelt fortleben als Vorläufer, als der Prototyp des überlegenen Menschen, der aus den Leiden und den Niedergängen, aus den Hoffnungen und aus dem Kampf geboren werden muss." (Aus : "Jean Jaurès : a giant of the workers’ movement", I.K.S., 18. August 2014)